Abschiedsraum

Als Herr N. so plötzlich, quasi von einem Moment auf den anderen starb, war für die Familie klar: die Beerdigung soll erst in einer Woche sein. Wir brauchen einfach Zeit um zu begreifen, was geschehen ist. Herr N. wurde einen Tag lang zuhause aufgebahrt, im Wohnzimmer. Die Verwandten kamen und die Nachbarn, die Familienangehörigen saßen immer mal wieder eine Zeitlang am Sarg. Dann kam er in die Friedhofskapelle. Die Ehefrau hatte einen Schlüssel. Sie ging bis zur Beerdigung jeden Tag einmal dorthin. Das brauchte sie für ihren Abschied. Allmählich veränderte sich das Aussehen des Verstorbenen etwas. Am Ende war es nicht mehr, als ob er schliefe. Sondern irgendwie schien die Seele aus seinem Körper ausgezogen zu sein. Dass sie soviel Zeit zu hatten mit dem Verstorben, dass sie mit ihm Zwiesprache halten und ihn berühren konnten, tat den Angehörigen gut.

Auch nach Jahren noch war das eine wichtige und kostbare Erinnerung.Ganz anders bei Frau C. und ihrem Mann. Auch sein Tod kam plötzlich, im Krankenhaus. Man riet der Ehefrau ab, in der Nacht noch zu kommen. Am nächsten Tag aber war er natürlich nicht mehr auf der Station. Sie könnte ihn doch sehen, wenn der Bestatter ihn zurechtgemacht hätte. Die Familie weigerte sich. Wir wollen ihn so in Erinnerung behalten, wie er war. Tut du dir das doch auch nicht an. Sie nahmen am Beerdigungstag Abschied am verschlossenen Sarg. Irgendwie aber blieb es für die Witwe ganz lange ganz unwirklich, dass er wirklich tot war. Sie hatte ja auch keine Gelegenheit gehabt, den Tod zu begreifen.

Der Abschiedsraum in der Ummelner Friedhofskapelle ist geräumig und hell. Durch das große Fenster blickt man nach draußen in die Natur. In den transparenten Sichtschutz ist ein Kreuz eingeprägt, das Symbol der Hoffnung über den Tod hinaus. Auch durch das Kreuz hindurch fällt Licht in den Raum.

Hier ist nichts Beängstigendes, sondern eine Atmosphäre von Ruhe und Frieden.

Dieser besondere Raum ist dazu da, dass Angehörige in der Zeit vor der Beerdigung in Ruhe von ihren Verstorbenen Abschied nehmen können, wenn das zuhause nicht geht. Die Angehörigen sollen die Zeit haben, die sie brauchen.

Auf den bequemen Sitzgelegenheiten haben mehrere Menschen Platz. So können auch Freunde, Verwandte oder Nachbarn kommen, um die Verstorbenen noch einmal zu sehen und den Trauernden Beistand zu leisten.

All das ging vorher zwar theoretisch auch. Aber die alten Ruheräume waren zu klein, um dort zu sitzen, und man hätte es wahrscheinlich auch nicht gewollt.

Denn die Atmosphäre dort war doch sehr karg und funktional. Einen würdigen Abschied zu ermöglichen ist uns wichtig. Um damit auch der Tendenz entgegen zu wirken, dass die Toten so schnell aus unserem Blickfeld geschafft werden.

Wir sind überzeugt, ein solcher Umgang mit dem Tod tut auch den Lebenden nicht gut.

Nun ist es in unserer großen Friedhofskapelle nicht möglich, Schlüssel an Angehörige weiterzugeben. Der Bestatter oder die Bestatterin werden ihnen den Abschiedsraum als Möglichkeit anbieten und dafür sorgen, dass sie ihn benutzen können.

Auch mehrfach in den Tagen vor der Beerdigung und mit so viel Zeit, wie sie brauchen.

Wenn Angehörige dort nicht allein sein möchten, kommt Pastorin Kleine gern dazu.

Am Totensonntag von 11-12.30 Uhr und von 15.00 - 16.30 Uhr ist der (leere) Raum für alle geöffnet, die einmal schauen wollen. Zu anderen Zeiten geht das auch - nach vorheriger Absprache mit dem Friedhofsbeauftragten, Olaf Kock.